Ulrike Rauh

Spaziergänge in Verona

Textauszüge

Ich setze meinen Spaziergang fort und tauche auf der Piazza delle Erbe ein in das Gewirr von weißen Schirmen, Ständen und Touristen...Mitten unter ihnen steht ruhig und gelassen die Madonna von Verona. Ihr schmales, ernstes Gesicht blickt über die Schirme hinweg...Die junge Dame ist eine Römerin aus dem 1. Jahrhundert, vom Kapitol hierher gebracht. Ob sie sich wohlfühlt als Brunnenfigur? Sie, die nun "Madonna" heißt?

Und der berühmte Balkon? Den Tausende von Touristen fotografieren? Er wurde 1935 angebracht - zu viele Besucher hatten nach ihm gefragt. Die Vorderseite ziert ein alter Sarkophag...

Gleich hinter dem Hochaltar entdecke ich ihn - "San Zeno che ride" (Der lachende Zeno), seit vielen hundert Jahren. Es ist ein ziemlich junges Gesicht, das mich unter der Bischofsmütze anblickt. In der linken Hand hält er den Bischofsstab, an dem ein Fisch hängt, denn der Legende nach soll er ja den Fischfang an der Etsch geliebt haben.

Habe ich Herzklopfen? Woran soll ich ihn erkennen, den Conte Pieralvise Serego Alighieri? Ich warte also auf einen Alighieri. Es gibt ihn wirklich, und ich werde ihm bald gegenüberstehen.

Ulrike Rauh