Ulrike Rauh

„Tage zu zweit“

Textauszüge

Als sie aufwachte, spürte sie noch das Glück. Die Leichtigkeit. Die Freude. Hörte sein Lachen. Sie schloß wieder die Augen. Lächelte. Sah in gestikulieren, etwas erklären, ihr zuprosten. Sie hielt das Glücksgefühl fest. Dehnte es aus in ihrem Körper. Spürte es dünner werden. Ihren Körper verlassen.

Aus: Vier Jahre später, S. 37

Sie kam jeden Sonntag zu uns. Ich war damals zehn Jahre alt. Saß still in der Ecke des Zimmers. Bewunderte die sicher und fest über das Klavier eilenden Finger meines Vaters. Sah die rasch wechselnden Empfindungen auf Frau Marenheims Gesicht, die sie die dunklen Augenbrauen hochziehen ließen, die Augen hervortreten, sich verengen, den Mund sich vorspitzen, weit öffnen, langsam schließen. Oft wiegte sie ihren Körper nach vorn, ging auf die Zehenspitzen in höchster Spannung, preßte die Finger fest gegeneinander.

Aus: Sonntagvormittage, S. 22f.

Niemand kommt zu ihm. Überflüssig sitzt er am Straßenrand. Ein Mensch zu viel auf dieser Insel. Einer, den niemand braucht. Ein schwarzer, gekrümmter Haufen Mensch. Er hat keine Hoffnungen mehr, keine Wünsche. Er hat sein Menschsein längst abgestreift. Er schläft, er ißt, er trinkt. Und er putzt Schuhe. Mechanisch, hin und her, hin und her.

Aus: Der Schuhputzer von Hydra, S. 54

Ulrike Rauh