Ulrike Rauh

Fünfzehn Spaziergänge durch Florenz

Textauszüge

„Ich überquere die Ponte alla Carraia, blicke auf die Brücken vor mir, die den trägen, grünen Arno sanft umschließen. Ein wolkenlos blauer Himmel steht über ihnen, gelb leuchten am Ufer die Paläste, deren Balkone und Terrassen mit Olivenbäumen geschmückt sind.“

S. 103

„Einst auf dem Land erbaut, liegt der sogenannte Englische Friedhof heute mitten in Florenz, mitten im tosenden Verkehr...Die Grabsteine, Säulen und Kreuze stürzen alle ein. Und ich sehe die weißen Wunden der verletzten Stelen, die Anhäufung von Steinen. Zerbrochene Erinnerungen unter hohen, schwarzen Zypressen.“

S. 48 ff

„Wir laufen die kurvenreiche Straße hinab ins Zentrum. Laufen vor zur Piazza della Signoria, vorbei an der hell erleuchteten Loggia dei Lanzi. In einer kleinen Bar trinken wir noch etwas.
Als ob wir den Abschied nicht wahrhaben wollen, ihn hinauszögern.
Rufst du an? Schickst du mir eine mail? Schreibst du mir? Wir suchen Sicherheiten. Versprechungen, an die wir uns halten können, wenn jeder wieder in seiner Stadt lebt.
Wir überqueren die Piazza della Repubblica. Die Paläste schimmern in mattem Gelb. In den Gassen ist kaum noch jemand unterwegs. Wir laufen durch ein Bühnenbild, ein stilles, vergessenes. Die Sänger, Musiker und Schauspieler sind schon längst nach Hause gegangen. Nur wir setzen die Aufführung fort – und wissen nicht das Ende.“

S. 118 ff

Ulrike Rauh