Ulrike Rauh

Kleine Galerie - 24 Erzählungen

Textauszüge

„Die Gäste hoben leicht den Kopf, als Herr und Frau Merzinger das elegant Restaurant des Hotels betraten. Die beiden gingen langsam und bewusst auf den ihnen zugewiesenen Tisch zu.
Herr Merzinger hatte gerade seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Sein volles, grauweißes Haar trug er leicht gewellt. Seine eleganten Anzüge sollten vor allem zeigen, dass er Geld hatte. Wesentlich mehr Geld als sein Garderobe kostete ihn jedoch seine dreißigjährige Frau.
Sie trug ihr blondes sehr kurz geschnittenes Haar nach hinten gekämmt. Ihr Gesicht glich einer Porzellanpuppe: kleine, hellblaue Augen, eine feine Nase, ganz heller Teint. Man wurde auch an Marzipan erinnert. Beim Essen sprachen sie kaum miteinander. Frau Merzinger hielt ihr Messer und ihre Gabel so behutsam, als wären sie zerbrechlich.“

Aus „Masken“, S. 112

„Die Terrassentür stand weit offen. Wind warf sich auf die rot und weiß blühenden Geranien in den Terrakotta- Schalen, heftiger Regen zerstörte ihre leuchtenden Farben, drang hemmungslos herein ins Zimmer, sammelte sich zu kleinen Pfützen auf dem Parkettboden.
Es roch nach welken Blättern. Sie hielten einander fest in ihrer Umarmung und lauschten auf den heftigen Regen, der auf die Terrasse prasselte.“

Aus „Regenzeit“, S. 43

„ ‚Natürlich habe ich auch mit anderen Männern geschlafen.‘ Saskia saß sehr aufrecht am Frühstückstisch. Kunstvoll hatte sie einen indischen Seidenschal um ihre hochgesteckten dunklen Haare geschlungen. Das Türkis leuchtete laut im Licht der Sonne.
Saskia sammelte neue Bekanntschaften.
Sie brauchte Zuhörer für ihre Erlebnisse in Südafrika, in Sri Lanka, am Nordkap oder im Baltikum.“

Aus „Zwei Leben“, S. 128

„Helles Licht fällt auf den See. Sandra fährt mit dem Schiff hinüber ans andere Ufer. Läuft hinauf nach Lezzeno. Plötzlich ist es heiß .Über den Wiesen liegt dünne Stille. Sie sieht ab und zu zerfallene Häuser. Unten schweigt der farblose, glanzlose See.“

Aus „Der Brief“, S. 92 ff

Ulrike Rauh