Ulrike Rauh

„Fremde Stimmen“

Textauszüge

Claudia begegnete ihm oft. Wenn sie zum Bäcker ging und Brötchen holte oder beim Türken schwarze Oliven kaufte. Immer hatte er seine braun karierte Mütze auf. Meist trug er eine dunkle Jacke und eine graue Hose. Sein weißer Bart leuchtete schon von weitem, seine blauen Augen blickten lebhaft und freundlich. Er grüßte jeden. Und immer begleitete ihn sein Dackel, der mit ihm Schritt zu halten versuchte. Carl Josef Behrend war Schauspieler gewesen. Eindringlich hatte er die großen Vaterrollen gestaltet. Später gab es für ihn noch kleine Auftritte als Diener oder Bote.

Aus: Unerwarteter Besuch, S. 5

„Komm, es ist doch dein Garten“, rief sie und eilte über den Rasen. Es fiel ihr schwer zu sprechen....

„Damals schliefen wir hier“, begann Tante Theresa. „Im Frühjahr transportierte Karoline die Federbetten und Kopfkissen auf dem Gepäckständer ihres Fahrrads. Mit Schnüren fest verzurrt. Den Sommer über wohnten wir hier, wir Schwestern. Tagsüber gingen Elisabeth und ich in die Pilze. Oder sammelten Schwarzbeeren und Preiselbeeren, während Karoline kochte. Abends saßen wir um die Petroleumlampe und lasen.“

Aus: Vier Schwestern, S. 8ff

Cynthia blickte auf den schlanken Turm der Matiaskirche, hinunter auf die ausgedehnte Stadt, die Brücken, die Donau.
In scharfem Kontrast zu dem weißen Stein der Fischerbastei bedeckten schwarze Spitzen den schmalen Arm der alten Dame. Und die schwarzen Spitzen breiteten sich aus, dünnen Fingern gleich, schlängelten sich vorwärts, erhoben sich, züngelten, bissen in Cynthias jungen Körper, saugten ihr Blut, ihre Seele, ihren Geist und sogen sie ein in den gebrechlichen Körper der alten Dame oben auf der Fischerbastei.

Aus: Schwarze Spitzen, S. 35

Ulrike Rauh